Befreiung vom (digitalen) Überfluss
Gehet barfuß!
Ein menschenfreundliches Wort an die beschuhte Welt. Plädoyer für das Barfußgehen aus einer katholischen Jugendzeitschrift aus dem Jahr 1893.
Quelle: Raphael – illustrierte Zeitschrift für die reifere Jugend und das Volk, 1893, Seite 134f
Ein menschenfreundliches Wort an die beschuhte Welt
Von einem Krypto-Barfüßer in Donauwörth
Wenn sich die ersten warmen Frühlingstage einstellten und die Sonne den Erdboden erwärmte, war es als Kinder, in einem von den Eltern unbewachten Augenblick unser größtes Vergnügen, Schuh’ und Strümpfe auszuziehen, und barfuß wie die Apostel zu gehen. Manchmal trugen wir schon im Vorfrühling nach der Schule Strümpfe und Schuhe zusammengebunden und über die Achsel geworfen, heim. Die sorgsame Mutter, damals noch nicht in die modernen Errungenschaften der Kneipperei eingeweiht, erteilte uns dafür manchen Rüffel, denn sie befürchtete, daß wir vom kalten Boden Zahnweh und Kopfweh und Husten auflesen könnten.
Im März ließen wir es zwar bei einigen Barfuß-Renn-Versuchen in den sonnigen Mittagsstunden bewenden, wenn aber der April oder gar der Mai gekommen war und das Mailüfterl nicht allzu rauh wehte, dann wurden Schuhe und Strümpfe definitiv verabschiedet, und wir gingen barfuß in Schule und Kirche, in Feld und Wald, in Stadt und Dorf, an Werktagen und nicht ungern auch sogar am Sonntag.
Wie wir gern barfuß gingen, so gingen wir auch gern in bloßen Hemdärmeln und ohne Kopfbedeckung.
Als später 70-80 Buben von 10-12 Jahren unter mein Schulzepter gerieten, da thaten sie, was alle unverzärtelten Naturkinder thun, sie kamen schon im März einzeln barfuß, und nach der Schule zogen sie auf der Schulstiege Strümpfe und Schuhe aus, und flink und elastisch wie eine Gazelle ging es hüpfend, springend und tanzend heim. Mit April und Mai rückte dann auch für den Lehrer die ersehnte Zeit heran, in der die plumpen Leder- und Holzschuhe, die im Schulhaus so viel Lärm gemacht und die Stille beim Unterrichte oft jählings beeinträchtigt hatten, allgemein für ein halbes Jahr aus der Mode kamen.
Und wie wir Kinder uns barfuß wohl fühlten, so auch meine Schüler. Zu keiner Zeit gab es weniger Schulkrankheiten und mehr rote Wangen als in diesen Zeiten. Die Saison des Barfußlaufens war immer die Saison des besten Gesundheitsstandes, der größten Lern- und Arbeitslust. Und was hier die Natur, der unverfälschte Natursinn der Kinder zart und unzart andeutet, wie sollte das ein Vergehen an der Natur, eine Beeinträchtigung der Gesundheit und des Wohlbefindens bedeuten? Auch hier gilt das Wort des Ratichius: „Alles nach Anordnung und Lauf der Natur."
Es konnte darum dem ersten und hervorragendsten Vertreter der Naturheilmethode, Pfarrer Kneipp, nicht verborgen bleiben, daß im Barfußgehen eine große gesundheitliche Bedeutung und Heilgymnastik liegt. In all seinen Büchern spricht Pfarrer Kneipp darum dem Barfußgehen als Abhärtungs-, Vorbeugungs- und Heilmittel das Wort.
Erst jüngst ließ er sich in Meran, dem Eldorado aller wirklichen und oft auch der eingebildeten Kranken, über das Barfußgehen vernehmen. Er sagte, das Barfußgehen wirke besonders dahin, das in einzelnen Körperteilen abnorm angestaute Blut in regelmäßigen Lauf zu bringen und durch den ganzen Körper gleichmäßig zu verteilen. Es habe sich bei ihm einmal ein Kranker eingefunden, der durch viele Jahre an heftigen Kopfschmerzen litt und zudem Polypen in der Nase trug; der Arme habe sich 37mal in der Nase operieren lassen, aber immer wieder hätten sich die Polypen erneuert, die Kopfschmerzen hingegen hätten ihn nie verlassen, da habe er nun dem Kranken vieles Barfußgehen empfohlen, und nach wenigen Wochen seien ebensowohl jeglicher Polyp als Kopfschmerzen verschwunden und seitdem nicht wiedergekehrt. Als Erklärungsgrund hierfür bezeichnet Kneipp die durch das Barfußgehen erzielte Ableitung der Blutstauung, wodurch den Polypen die Nahrung entzogen worden sei; die Polypen seien die Spatzen unter dem Dache; wenn diese nichts mehr zu fressen bekämen, so zögen sie vom Hause fort. Zu launiger Weise bemerkt der Redner, daß, wenn das Tragen der Schuhe und Strümpfe für die Natur so ganz unentbehrlich wäre, der Mensch mit diesen hätte zur Welt kommen müssen. Ohne Befehl schicke sich jeder Patient in Wörishofen sehr bald an, barfuß zu gehen.
Wer das Barfußgehen noch nicht gewöhnt ist, probiere es nur einige Minuten im Grase oder auf glatten Wegen und ziehe dann die Schuhe wieder an. Nach und nach wird es ihn gelüsten, länger barfuß zu gehen, und die Fußsohlen werden bald gegen das anfängliche Kitzeln des Grases, der Stoppeln, Steinchen und Steine unempfindlich werden, ja ein stundenlanges und zuletzt sogar tagelanges Barfußgehen aushalten. Abgehärtete Barfußläufer finden ein Hauptvergnügen darin, bei Regenwetter, in betautem Grase und in frischgefallenem Schnee „bloßfüßig" herumzupatschen.
Was da Gewohnheit und Abhärtung vermag, dafür zwei Beispiele, die ich erlebt habe. Zwei mir bekannte Schüler eines Institutes hatten es dahingebracht, im strengen Winter stundenlang barfuß im Schnee zu laufen. Die Leute, die das sahen, schlugen die Hände zusammen und meinten, das sei eine Narrheit, die man mit Geld und Gefängnis bestrafen sollte, das sei geduldeter Selbstmord u. dgl. Den Burschen aber war hernach wohler als vorher, sie bekamen weder Schnupfen noch Husten, verloren aber die Hitze und Röte der Köpfe, denn das Blut eilte nun schnurstracks vom Kopfe zu den Füßen hinunter.
Vor einigen Jahren lernte ich einen Tierarzt aus Valladolid kennen, der mitten im Winter bei sechs Fuß Schnee barfuß den Weg über den Monte Cenis nach Italien, dann ins Heilige Land und retour in die spanische Heimat gemacht hatte. Er war der gesundeste Mann von der Welt.
Damit ist nun nicht gesagt, daß alle das nachahmen müßten, aber es seien dies Beispiele zu Gunsten der Aufforderung: Gehet barfuß!
Man kann wegen der dummen Mode und absurden Kultur freilich noch nicht allenthalben ungeniert barfuß gehen, aber es wird auch da die Vernunft noch siegen, und zuletzt werden Herrn und Damen die Vorurteile der Zeit, des Standes und der Wissenschaft ablegen und zu Theater, Konzert und Theekränzchen barfuß gehen, wie die Bauernkinder in Adamsstiefelchen zur Schule und zur Kirche kommen. Mit Sandalen, die man bisher nur an den Füßen der Kapuziner und Karmeliten bewunderte, haben nun schon diverse Herren und Damen angefangen die Erde zu berühren. Von der Sandale zur Sohle des Fußes ist aber nicht nur wie vom Lächerlichen zum Erhabenen ein Schritt, sondern nur einige Millimeter.
Letzten Herbst lernte ich eine vielgenannte Dichterin kennen, die schon den ganzen Tag im Haus herum barfuß geht. Wer es im Freien als eine geheime Schmach vor der modernen Kulturwelt noch nicht wagt, barfuß zu gehen, möge es anfangs ein Viertelstündchen in Stube, Kammer, Hausgang und Küchenboden probieren, und es wird ihm wohl bekommen; kalte Füße, Schweißfüße, Kongestionen, Nervenüberreizung u. dgl. werden dadurch nach und nach kuriert und Strümpfe und Schuhe können obendrein gespart werden.
Will man von den „Wilden", den hervorragendsten Trägern der Naturheilkunde und vor dem unverfälschten Naturgefühl der Kinder in Punkto Barfußlaufen nichts lernen, schlägt man die Heilerfolge und die Lehren Kneipps, ja das Beispiel des Heilandes, der Apostel und zahlreicher Ordensfamilien in den Wind, so behalte man meinetwegen in der größten Sommerhitze Schuhe und Strümpfe an, trage in ihnen schweres Geld für Arzt und Apotheker aus dem Haus und verkürze sich die Stunden der Nacht und des Tages durch Ohrensausen, Kopf- und Zahnschmerzen, Nasenbluten u. dgl. Übeln der schuhgepanzerten Menschheit. Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen.
Wessen Natur die Wohligkeit und den Genuß des Barfußlaufens an einem heißen Sommertag noch nicht entdeckt hat, den beneide ich nicht, ob seines kultivierten Gefühles. Jene aber beneide und beglückwünsche ich, deren strotzende Gesundheit sich auch in den hornartig verdickten Fußsohlen offenbart. Diese sind auch Beweis dafür, wie „die grundgütige Mutter Natur" den Menschen, die es verlangen und die der Frau Natur gehorsam sind, die allerbesten und allerstärksten Schuhe anzumessen versteht.
Oder hat jemand an diesen Naturschuhen einen Fleck, eine Naht oder gar einen Pariser-Absatz entdeckt? Sind sie nicht vom zartesten und feinsten Leder? Wer hat sie jemals wichsen oder schmieren müssen?
Wer gesehen hat, wie sich auf so harten Sohlen über Stock und Stein springen läßt, der kann bemerken, wie die Natur die Künste der Leder- und Holzschuhmacher in die Schranken fordert.
Darum gehet barfuß ihr Kinder auf dem Lande, wie in den Tagen meiner Jugend, und ihr Eltern und Lehrer wehret es nicht. Gehet barfuß ihr Armen, die ihr eure Schuhe sparen müßt, und schämt euch dessen nicht, denn es ist ein Vorrecht der Vernünftigen und Weisen. Gehet barfuß ihr Reichen und gebet das dadurch an Schuhwerk und Medikamenten ersparte Geld den Armen, damit sie frohe Tage bekommen.
Gehet barfuß ihr Kontor- und Kanzleimenschen, ihr Stubenhocker und Tintenschlecker, ihr schmächtigen Studenten, ihr bleichsüchtigen „höhern Töchter", und lasset dadurch euer blutströmendes Gehirn, eure zappeligen Nerven euch billig und angenehm kurieren und euch wappnen gegen alle Verweichlichung, gegen Zugluft und Katarrh.
Allen, allen, die ihre Gesundheit nicht der Mode verkauft und denen die übermäßige Kultur noch nicht den Kopf verdrehte, Jungen und Alten, Reichen und Armen, Gesunden und Kranken, rufe ich zu:
„Ziehet im Tage mindestens einmal eure Schuhe aus und gehet, sei es im weichen Gras, auf glattem Weg oder auf dem Zimmerboden, eine Viertelstunde barfuß!"