Befreiung vom digitalen Überfluss

Die digitale Religion

Das Internet ist der neue Gott, die Internetkonzerne sind die neue Kirche. Über das Buch »Google Unser« von Christian Hoffmeister.

Im Jahr 2013 hatte ich in einem Aufsatz für die Benediktinische Zeitschrift Erbe und Auftrag folgende Beobachtung beschrieben:

Das Internet wird einen gravierenden unterschwelligen Einfluss auf unser Gottes- und Menschenbild haben. Es gibt Gründe, es sogar als eine Art neuen Götzen zu betrachten. Das Internet hat quasi-göttliche Eigenschaften, und es „funktioniert” für viele Menschen sogar als ein besserer Gott. Es hat transzendentale Züge. Es ist nicht sichtbar und greifbar, aber immer da. Es erscheint allwissend. Wikipedia hat etwas mit der Bibel gemeinsam: Es hat keinen erkennbaren Autor und enthält „Wahrheit“. Aktivitäten in sozialen Netzen wie Facebook oder Twitter haben etwas, das an Beten erinnert. Man richtet sich an einen unbestimmten Adressaten und bekommt Antwort. Man schreibt z.B. über seine Sorgen oder Traurigkeit und erfährt scheinbar Trost und Anteilnahme. […] Die Virtualisierung lässt das Leben flach werden und verführt dazu, die conditio humana immer mehr zu verleugnen. Die unvollkommene Wirklichkeit – körperliche Mängel, Krankheit, Alter und Behinderung – wird immer weniger ertragen. Das Internet hat apersonale Züge; auch unsere Persönlichkeit und das, was unser Menschsein ausmacht, befindet sich in einem Prozess der Auflösung.

Ich befürchte: Unsere Vorstellung von Gott als einem persönlichen, bedingungslos liebenden, barmherzigen Gott wird im Zeitalter des Internets an Bedeutung verlieren; damit nimmt auch das christlich-humanistische Bild vom Menschen Schaden.

Seitdem sind sieben Jahre vergangen und der Prozess der Vergottung des Internets hat weitere Fortschritte gemacht. Der Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmeister hat sich in seinem Buch »Google Unser« intensiv damit beschäftigt.

Der Mensch ist ein »Homo religiosus«. Er braucht eine Religion, um leben zu können. Nachdem die traditionellen Religionen an Überzeugungskraft und Akzeptanz verloren haben und die Religion des Kapitalismus (vgl. Walter Benjamin) in ihrer radikalen Diesseitigkeit zu einem Sinnverlust geführt hat, füllt nun das Internet diese Lücke. Es ergänzt die Kapitalismus-Religion mit einer neuen Transzendenz:

“Das Internet schafft ein neues Jenseits, und so wird mit der Digitalisierung die unvollendete »Ökonomie« und deren diesseitiges Erlösstreben zu einer vollendeten Religion: Aus Erlös wird endlich wieder Erlösung.”
(Google Unser, S. 53)

Die großen Internetkonzerne kopieren nicht einfach nur die Kirche – im Sinne eines geschickten Marketings – sie sind Kirche, verkünden dieselben Heilsversprechen und knüpfen an dieselben existenziellen Bedürfnisse der Menschen an.

Hoffmeister beschreibt zahlreiche erstaunliche Parallelen, die plausibler sind, als sie auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mögen. Es geht nicht so sehr um äußere Ähnlichkeit, sondern um die Funktion, die bestimmte Personen, Institutionen und Praktiken für ihre “Gläubigen” erfüllen:


Die Kirche

Unternehmenszentralen von Google, Facebook und Co. sind die neuen Klöster und ihre Mitabeiter*innen und Programmierer*innen sind die neuen Mönche/Nonnen und Priester. Die Programmiersprachen sind das neue Latein dieses neuen Klerus. Ihr Arbeitsalltag ist relativ stark ritualisiert, es gibt sogar eine Art Noviziat und regelmäßige Meetings, die auffällige Parallelen zum Stundengebet aufweisen. Im Mittelalter wurde in den Schreibwerkstätten und Bibliotheken der Klöster Wissen über Gott, das Jenseits und die Welt gesammelt und geordnet. Aus dem klösterlichen Leben entstanden zahlreiche Innovationen, z.B. im Bereich Hydraulik, Medizin und Zeitmessung. Heute sehen sich die Unternehmenszentralen von Google, Facebook und Apple in dieser Rolle.
Rituell begangene, aufwenig zelebrierte und inszenierte Präsentationen neuer Produkte und Softwarefeatures sind die großen Festtage dieser neuen digitalen Kirche. Dem voraus geht natürlich eine Adventszeit, voll knisternder Vorfreude auf die neuen Errungenschaften und Segnungen für die Welt. Die Developer-Mönche können “als so etwas wie moderne Wanderprediger gesehen werden, die die Botschaft tatsächlich in Programmiersprachen transferieren und so den Usern durch neue Anwendungen verkünden: Die Erlösung dank der neuen Features von Apple, Google, Facebook und Co. ist nah!” Google Unser, S. 91-100

Mark Zuckerberg, Steve Jobs, Larry Page und Co. sind die neuen spirituellen Führer – wenn nicht gar Heilige und Messiasse. Sie legen keinen Wert auf zur Schau getragenen materiellen Besitz, Statussymbole oder Kleidung. Sie verkünden, dass Lahme gehen, Blinde sehen und Friede auf Erden einkehren wird. (vgl. Google Unser, S. 67 ff / S. 122 ff)

Das Internet wird von zahlreichen mythischen Wundererzählungen umrankt: “Millionär dank Youtube”, “Liebe und Glück dank Tinder und Parship”, “verlorene Zwillingsschwester gefunden dank Facebook”, … (Google Unser S. 114 ff), und die großen Konzerne pflegen ihre eigenen Gründungsmythen, die in der Regel einem David-gegen-Goliath-Schema folgen und zum einen die einzigartige Genialität der Gründerpersönlichkeit herausstellen sollen und zum anderen vom Aufstieg des verkannten Underdogs erzählen. Weder wurde Apple in einer Garage gegründet, noch hat Larry Page den Suchalgorithmus von Google im Alleingang erfunden. (Google Unser, S. 79 ff) Diese Mythen sind aber nötig, um aus einem normalen Konzern eine heilsvermittelnde Institution – eine Kirche – zu machen.

Dazu gehören dann auch Religöse Symbole: Das Logo von Facebook ist eigentlich ein Kreuz, das mit seiner Krümmung oben Anklänge an das Christusmonogramm hat und mit dem abgeschrägten Querbalken auch noch ein orthodoxes Kreuz zitiert. Amazon hat das Alpha und Omega (Α und Ω) aufgegriffen und verbindet in seinem Logo den ersten und letzten Buchstaben des Alphabets mit einem Pfeil. Das ist eine deutliche Verwandschaft zur Symbolik der Osterkerze. Das Logo von Apple – der angebissene Apfel – lehnt sich zwar nicht direkt an ein bekanntes religiöses Symbol an, es zitiert aber einen der Urmythen der monotheistischen Religionen: die Frucht vom Baum der Erkenntnis und die Vertreibung aus dem Paradies. (Google Unser, S. 86 ff)

facebook, Amazon und Apple: Logos als Zitate religiöser Symbole

Religiöse Praxis

User sind die neuen Gläubigen, die nicht nur die Rituale der Internet-Kirche treu befolgen, sondern sich durch das Beachten der Gebote auch “Erlösung” erhoffen.

Alle großen Internetkonzerne kennen Verhaltensnormen und Gebote (zumeist tatsächlich 10!), die mehr oder weniger explizit benannt sind. Alle User (Gläubigen) wissen, wie sie sich verhalten müssen, damit Sie vom System belohnt (gesegnet) werden. Es macht mir Sorgen, dass sogar von Seiten der Kirchen immer wieder darauf verwiesen wird, dass es keine Alternative dazu gibt, den Regeln von Facebook, Twitter und Google zu folgen (und deren systematischen Datenmissbrauch zu ertragen), wenn man in der Öffentlichkeit noch als relevant wahrgenommen werden will. Welchem Gott dient man damit am Ende wirklich? Die göttliche Macht der Konzerne zeigt sich auch dadurch, dass wir durch das treueste Befolgen der Gebote keinerlei Anspruch darauf haben “erhört” zu werden. Letztlich liefern wir uns der Gnade von Google und Facebook aus, die jederzeit ihre Algorithmen oder ihre Geschäftsmodelle ändern können. Wir hoffen und glauben, dass Facebook und Google zu den Guten gehören. Die Cloud (das Himmelreich) ist ja letztlich für den Menschen da und nicht umgekehrt, oder? (Google Unser, S. 101 ff)

Durch “Künstliche Intelligenz” ermittelte Prognosen auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten sind die neuen göttlichen Weisungen. Dass sie eintreten, ist keinesfalls sicher. Man muss an sie glauben. Indem wir uns aber danach richten, werden wir immer besser berechenbar und abweichendes (“ungläubiges”, “irrationales”) Verhalten gilt als Sünde und wird sanktioniert. Diesen Mechanismus hat auch Shohana Zubuff in ihrem Buch »Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus« ausführlich beschrieben. (vgl. Google Unser, S. 172-174)

In allen Religionen kollektivieren und normieren bestimmte Rituale und Objekte das Verhalten der Gläubigen und stiften Identität. Die rituelle Nutzung von Socialmedia ist das neue Beten: Die Timeline ist eine Art virtuelle Klagemauer, #foodporn eine Art virtuelles Tischgebet. “Das traditionelle Tischgebet ist an einen Gott in einer anderen Welt gerichtet, das Foto wird in die Cloud hochgeladen und ist für die virtuelle Gemeinschaft im Internet gedacht, der damit gleichsam gehuldigt wird. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied […] Am Abend heftet man ein letztes Gebet an die Facebook- oder Twitter-Wall. Ohne diese Tools gehört man nicht dazu, gehört nicht zu der heiligen digitalen Gemeinschaft.” (Google Unser, S. 118-119)

Die Timelines von Instagram und Facebook sind zugleich “eine moderne Form sakraler Bildgeschichten, die die Funktion der Fresken und Altarmalerei des Mittelalters übernommen haben, und die Hashtags bieten Orientierung und Interpretationshilfe.” In den mittelalterlichen Bildwelten wurden Anleitungen für ein moralisch vorbildliches Leben präsentiert und zugleich vor Sünden und Lastern gewarnt. Heute wird die Heilsbotschaft in visueller Form unter Hashtags wie #paradise #healthy oder #happylife übermittelt. Photoshop und Filter helfen dabei, dem göttlichen Idealbild möglichst nahe zu kommen.

“Und ganz unbewusst verwenden diejenigen, die sich auf Instagram und Co. präsentieren, die Ideen und Konzepte der Ikonenmalerei und beginnen, sich damit selbst als Ikonen der Neuzeit zu inszenieren und abzubilden. Denn die modernen Heiligenbilder sind ebenfalls ein ganz wichtiges Element zur Erschaffung der neuen digitalen Glaubensgemeinschaft.” (Google Unser, S. 145 ff)

Traditionelle Ikonen wollen ein Fenster zum Himmel sein, durch welches der Betrachter die Gegenwart Gottes erfährt. Typisch dabei ist eine »exzentrische« Darstellung der abgebildeten Person auf einem goldenen Untergrund innerhalb einer goldenen Umrahmung. Die Art der Darstellung folgt einer strengen Formensprache (z.B. Mimik, Hand- und Körperhaltung). Die Parallelen zur Selfie-Bildwelt von Instagram sind unübersehbar. Auch hier stellen sich Personen in standartisierten Posen und Motiven (z.B. »Duckface« und »Fish Gape«) dar. “Aus dem goldenen Hintergrund der Ikonen wurde der virtuelle Raum. Da Gott genauso virtuell ist wie das eigene Bild in den sozialen Medien, wird das Internet selbst zum göttlichen Background, der die Ikone erst zu etwas Heiligem transformiert.” (Google Unser, S. 149 ff)

Die Instagram-Heiligen leben uns eine asketische Lebensweise vor, die “quasi religiös auf die jenseitige digitale Welt und auf den dieser Welt innewohnenden Gott »Internet« ausgerichtet ist. […] Auf Instagram, Facebook, Twitter und Snapchat wird die frohe Botschaft verkündet, dass eine Hinwendung zum digitalen Gott durch Entbehrungen und Disziplin und eine Fokussierung auf das digitale Jenseits belohnt wird.” Fitness und Abnehmen (“Fasten”) und Ernährung (“Speisevorschriften”) spielen eine wichtige Rolle. Die Angebote von Facebook, Instagram und Co. funktionieren dabei als virtuelle Sekten für die Influencer (“Missionare”) und ihre Nachfolger. “Die Tools der neuen digitalen Glaubensgemeinschaften des Silicon Valley zielen bewusst auf die Schwäche der menschlichen Psyche ab, um die Menschen fest an ihre Plattform zu binden. […] Die Kündigung der Mitgliedschaft kommt – wie der Ausstieg aus einer religiösen Sekte – einem schweren Vergehen gegen Gott gleich und wird mit totaler Löschung der Daten, Bilder, Posts und damit der virtuellen Identität in der Gemeinschaft bestraft. Solange man aber Mitglied bleibt, wird die Selbstbestimmung, das Recht auf Privatheit und die Hoheit über die Daten, abgegeben.” (Google Unser, S. 153 ff)

Auch die Internet-Religion hat ihre heiligen Orte. Die digitalen Gläubigen zog es bisher ins Silicon Valley. “Die zahlreichen Reisen von Topmanagern aus Europa und anderen Ländern der Welt dorthin sind nichts anderes als eine »Wallfahrt« zu den heiligen Stätten der digitalen Glaubensgemeinschaft.” Der Begriff »Valley« lädt diesen Ort mythologisch auf, der in Wirklichkeit keinesfalls ein Tal ist. So wirkt es aber wie ein fest umrissener Ort, eine Art Garten Eden, in dem die Quelle der heiligen digitalen Technologie entsprungen ist. (Google Unser, S. 140 ff)

China entwickelt sich gerade zum neuen Pilgerziel und scheint für die digitale Avantgarde zu einer Art Sehnsuchtsort zu werden, wie es Indien für die Hippie-Generation war. Die Art, wie dort die Digitalisierung den Alltag schon durchdrungen hat, wie die Menschen sie selbstverständlich und bedenkenlos nutzen, übt eine ähnliche Faszination aus, wie vormals die fremde, geheimnisvolle Spiritualität des Hinduismus.

Religiöse Tugenden

Die neue Religion hat sich auch der traditionellen religösen Tugenden wie z.B. Barmherzigkeit, Teilen, Gastfreundschaft, Besitzlosigkeit und Enthaltsamkeit bemächtigt und neu interpretiert.

“Das in den letzten Jahren aufgekommene Thema der Sharing-Ökonomie wird implizit als eine Art religiös-altruistisches Wirtschaftskonzept gepriesen und damit nahe an das traditionell religiöse Handlungsparadigma des Teilens herangerückt.” Dabei wird verschleiert, dass die Autos, E-Scooter, Fahrräder usw. keinesfalls aus altruistischen Motiven zur Verfügung gestellt werden, sondern weil Unternehmen Profit machen und Kundendaten sammeln wollen. Eigentlich geht es dabei schlicht um das Vermieten von Gütern. “Dennoch oder gerade deshalb wird diese Form der Geschäftsmodelle »Sharing« genannt, und die digital Gläubigen werden aufgefordert, sich dieser neuen Form des Teilens und Verzichtens anzuschließen.” (Google Unser, S. 130)

Gastfreundschaft und insbesondere die Beherbergung von Pilgern galt schon von jeher als »gutes Werk«. “Heute etablieren sich um diese traditionellen Glaubensgrundsätze neue Geschäftsmodelle, die denen der Pilgerherbergen recht ähnlich sind.". Der Slogan von Airbnb lautet »Belong anywhere«. Von »Zugehörigkeit« und »Menschen zu verbinden« zu sprechen, klingt ja auch irgendwie besser als davon, dass man Zimmer über eine Plattform vermietet, um damit Geld zu verdienen. (Google Unser, S. 131)

Auch seine Daten soll man teilen, indem man Cloudservices nutzt, deren Geschäftsmodelle darin bestehen, diese Daten mittels Bigdata-Analyse in »Gold« umzuwandeln. Wir opfern unsere privatesten Daten (also einen wertvollen Teil unseres Lebens) der Gottheit und erhoffen uns dadurch Segen in Form von immer besseren Dienstleistungen. Dass sich das »Gold« aber in erster Linie in den Tempeln der digitalen Großkonzerne ansammelt, zeigt ein Blick auf deren Bilanzen. (vgl. Google Unser, S. 133)

Die wahrhaft Frommen streben nach Besitzlosigkeit. Sie stellen ihre Arbeit als »Open Source« zur Verfügung. In der Regel profitieren aber die großen Konzerne mit ihren Plattformen dennoch direkt oder indirekt davon – zumindest über die Werbung, die im Umfeld des Contents geschaltet wird. “Das Teilen von Softwarecodes und Inhalten wird als heilige Handlung in der digitalen Welt gesehen” und von den großen Konzernen gefördert und eingefordert. Dabei herrscht eine große Doppelmoral. Die eigenen Inhalte und Codes werden von den Unternehmen des Silicon Valley eifersüchtig bewacht und durch Patente geschützt, die durch milliardenschwere Gerichtsprozesse durchgesetzt werden. (Google Unser, S. 135)

Hoffmeister sieht in Internetpornos eine neue Form der Enthaltsamkeit, die ja in fast allen Religionen als Zeichen der Entweltlichung und Hinwendung zum Jenseits eine wichtige Rolle spielt, z.B. beim Zölibat und im Mönchstum: “Wird Sex als Geschlechtskontakt zwischen mindestens zwei Menschen angesehen, kann die Nutzung von Pornografie als moderne Form der sexuellen Enthaltsamkeit interpretiert werden. Die virtuelle Welt führt einem alle Möglichkeiten der Lust und Liebe im Jenseits vor Augen. […] In der digitalen Welt ist alles möglich, und dort können alle Träume wahr werden, die sich die meisten Menschen im Diesseits nicht erfüllen können, wollen oder dürfen. Dies verstärkt die Hinwendung an die virtuelle Welt. Zugleich lebt man selbst keusch und sündigt nicht, da man den Begierden des Irdischen nicht nachgibt.” (Google Unser, S. 125)

Transzendenz

Das Internet besitzt viele Eigenschaften, die man in traditionellen Religionen der Gottheit zugeschrieben hat: “Gott ist unsichtbar, aber dennoch allgegenwärtig, allmächtig und allwissend. Anders gesagt: Gott ist »virtuell«, also in seiner Wirkung für Menschen zwar existent, in seiner physischen Präsenz aber nicht greifbar. Gott wird dabei als ordnende Hand verstanden, die dem, was man im Hier und Jetzt nicht versteht, einen Sinn im Jenseits gibt.” (Google Unser, S. 54 f)

Artificial Intelligence und Artificial Reality – die neue Vollkommenheit und Allwissenheit Gottes: Viele Menschen leiden an ihren vermeindlichen Fehlern und Unvollkommenheiten und sehen in Gott ein unfehlbares und perfektes Wesen. Sie glauben, dass sie Gott dadurch nahekommen können, indem sie diesem Ideal nacheifern. “Nur in der virtuellen und in einer vollkommen künstlichen Welt ist der ideale und göttliche Zustand erreichbar. So verwundert es nicht, dass immer mehr Menschen auf künstliche Intelligenz hoffen, auf Roboter, die die Fehler und Unzulänglichkeiten der Menschen beseitigen. Artificial Intelligence ist das neue Göttliche, das den Menschen in seiner Fehlbarkeit abschaltet.” (Google Unser, S. 128)

Cloud und Singulariät – ewiges Leben in einem neuen Himmel: Die neue Hoffnung auf ein ewiges Leben sieht so aus: wir leben in Form unserer Daten im modernen Jenseits, der Cloud, weiter. Viele Religionen erwarten ein finales Gericht Gottes, die Apokalypse. Das Leben, so wie wir es kennen, wird beendet bzw. in eine ganz neue Form transformiert. Dieses Ereignis erwartet auch die digitale Religion und nennt es Singularität. (Google Unser, S. 60)

Christen hoffen auf einen gnädigen Gott oder fürchten einen gerechten Richter, der alle unsere Taten kennt. Der Christ glaubt, sich gegenüber dem allwissenden Gott eines Tages verantworten zu müssen. Auch »das Internet vergisst nichts«. Das Gericht der Internet-Religion findet zwar auch im Jenseits – der virtuellen Sphäre – statt, aber es geschieht schon jetzt und man braucht nicht auf Gnade zu hoffen.

Fazit

“Digitalierung ist das dominante Gedankengebäude, das sich […] in Wissenschaft und Gesellschaft etabliert hat. Sie ist eine Ideologie, die exklusiv erklärt, wie die Welt, in der die Menschen leben, funktioniert.” (Google Unser, S. 162) “Die Welt wird immer mehr als ein zwar komplexes, aber regelbasiertes System angesehen. Die Menschen und die Gesellschaft haben sich algorithmisiert, und Religion hat durch die strengen Vorgaben von Geboten und Verboten, von Ritualen und Handlungsvorschriften ihren Teil dazu beigetragen.” (Google Unser, S. 168)

Auch der neue Gläubige glaubt, dass er nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. Er hält sich für eine Art Computer, der aber im Vergleich zum Internet-Gott schlechter rechnen kann und nur über ein sehr begrenztes Wissen verfügt. Von Konrad Zuse, dem Entwickler des ersten Computers, stammt das Zitat: “Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so groß wie die Gefahr, dass der Mensch so wird wie der Computer.” Das verrät auch der moderne Sprachgebrauch: Menschen “speichern” Erinnerungen oder “rufen sie ab”, das Gehirn wird als “Festplatte” bezeichnet, die manchmal “überlastet” ist. Die digitale Sphäre ist nicht mehr “Menschenwerk”, sondern sie stellt die eigentliche, letztgültige Wirklichkeit dar, zu der alles in Beziehung gesetzt wird und an der sich alles ausrichten und bewähren muss. (vgl. Google Unser, S. 174f)

Aus diesem Grund halte ich es für dringend nötig, sich als christliche Kirche kritisch mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen und das »Götzenhafte« daran herauszuarbeiten. Wenn #digitaleKirche in erster Linie bedeutet, sich den Gesetzen dieser neuen Religion zu unterwerfen, dient sie am Ende einem anderen Gott als dem, den sie eigentlich zu verkünden glaubt. Der Internet-Gott ist so groß und so mächtig, dass es ihm egal ist, welche Inhalte in seine Cloud hochgeladen werden, solange man ihn als höchste Macht anerkennt und seinen Geboten folgt.

» zum Vertiefen: Digitale Theologie - Gott und die Medienrevolution der Gegenwart, Johanna Haberer, 2015

Google Unser in der Cloud,
Geheiligt werde Deine Suche,
Dein Crawler komme,
Dein Algorithmus geschehe,
auf dem Laptop wie auch auf dem Handy.

Unsere täglichen Likes gib uns heute,
und vergib uns unsere Dislikes,
wie auch wir vergeben unseren Hatern.

Und führe uns nicht auf irrelevante Seiten,
sondern erlöse uns vom eigenen Wissen,
denn Dein ist das Netz und die Allwissenheit und die Singularität in Ewigkeit.
Amen
(Google Unser, S. 5)


Titelbild: eigene Collage unter Verwendung von "Wanderer am Weltenrand", kolorierter Holzstich aus Camille Flammarions Band "L’atmosphère. Météorologie populaire" (c) Houston Physicist (commons.wikimedia.org)
Ikone: © Kehinde Wiley 2019; Leihgabe des Künstlers, Courtesy Sean Kelly Gallery, New York, eigenes Foto auf Instagram, aufgenommen in der Bremer Kunsthalle


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